Folgender Therapieansatz kann in die Traumatherapie mit einfließen oder alternativ zu Somatic Experiencing in Anspruch genommen werden:

Inneres Familiensystem
(nach Richard Schwartz)

Grundlagen zum Verständnis von Bindungs- und Entwicklungstraumen und die Arbeit mit dem Inneren Familiensystem nach Richard Schwartz

„Beziehung ist einer der wichtigsten schützenden Faktoren, wenn es um ‘Resilienz’, also seelische Widerstandskraft in schwierigen Lebenssituationen geht. Kinder und Erwachsene, die in sicheren Beziehungen leben, verarbeiten bedrohliche und traumatische Situationen weit besser als jemand, der das alleine tun muss. Gute Bindung in Beziehung bildet also eine Art ‘Immunschutz’ gegen Trauma.” (Schmidt 2022, S. 2)

Wo aber diese sichere Beziehung in schlimmen Situationen nicht ausreichend vorhanden ist, da wird es nötig, dass wir uns innerlich selbst schützen, um die erfahrenen Verletzungen und damit empfundenen Gefühle wie Angst, Einsamkeit und Schmerz bewältigen und somit weiterleben zu können. Ohne den inneren Selbstschutz würden uns diese Gefühle von innen her zu überrollen drohen und uns mit Haltlosigkeit und Ohnmacht konfrontieren. Wesentlich ist es, zu verstehen, dass die Schutzstrategien aus tiefster Not und Verzweiflung entstanden sind und alle ihre gute Absicht mit uns haben.

Häufige Schutzstrategien/Persönlichkeitsanteile:

  • Rückzugsverhalten, z.B.
    „Ich falle niemanden zur Last und komme alleine zurecht. Ich brauche niemanden. Sollen sie machen, was sie wollen. Hauptsache sie lassen mich in Ruhe.”

  • Kontrolle und Überwachsamkeit, z.B.
    Um überraschende Verletzungen vorzubeugen, werden andere Personen und Situationen unablässig gescannt, ob von ihnen Gefahr droht. Man ist ständig auf der Hut und kann schlecht entspannen.

  • Anpassung, z.B.
    Es wird versucht, alle Erwartungen anderer zu erfüllen – ganz gleich, ob es sich um reale oder vermutete Erwartungen handelt. Denn dann bleibt hoffentlich kein Grund mehr, dass andere einen ablehnen oder verletzen.

  • Sich selbst anklagen, z.B.
    „Das habe ich schon wieder falsch gemacht”, um die Anklage anderer vorwegzunehmen und sich anzutreiben ‘besser’ zu werden, damit man keine Schelte von außen bekommt.

  • Ständig bereit zu helfen und unermüdlichen Einsatz bringen, auch wenn man über seine eigenen Grenzen geht, z.B.
    Das Leben wird mit Aktivitäten gefüllt, um dadurch Anerkennung zu spüren und nicht mehr der verbannten Leere in Kontakt zu kommen, wenn Anerkennung ausbleibt.

  • Emotionen abwerten oder ganz abschalten, z.B.
    Auch der tiefe Schmerz (z.B. des sich ungeliebt oder übersehen Fühlens) wird dann nicht mehr gespürt.

  • Ständige Aggression und ‘in die Luft gehen’, z.B.
    Andere werden heruntergemacht und kritisiert, damit der eigene Selbstwert erhalten bleibt. Damit wird Kritik abgewehrt oder andere kritisieren gar nicht mehr, weil sie Angst vor einem haben.

Ursprünglich haben alle dieser Schützer-Anteile ihren Zweck gut erfüllt. Meistens bleiben diese aber in der Zeit, in der sie entstanden sind, hängen und bekommen nicht mit, dass man erwachsen geworden ist und es auch andere Möglichkeiten gibt, sich zu schützen und somit auch Nähe, Beziehung, tiefe Herz-zu-Herz-Bindung an Menschen, Sicherheit, Halt, Verbundenheit und Geborgenheit zu erleben.

„Wenn nun solche tiefsitzenden Verletzungen in uns geheilt werden sollen, müssen wir diejenigen Anteile des Herzens in den Blick nehmen, die Schutzstrategien zur Anwendung bringen. Immer mit dem Wissen: Sie haben uns das Weiterleben überhaupt erst ermöglicht.“ (Schmidt 2022, S. 4)

Ziel der IFS-Therapie ist es, Persönlichkeitsanteile mit extremen Verhaltensweisen, Glaubenssätzen und Gedankenmustern mit Hilfe des eigenen inneren Kerns, dem unverwundbaren und auch kraftvollen Selbst, das jedem Menschen innewohnt – aber durch die Anteile oft verdeckt ist – aus ihren Rollen zu befreien, damit Neuorganisation im Gesamten stattfinden kann. Bei Traumen ist es manchmal als Erstes notwendig, den Kontakt zum eigenen inneren Kern, zum „Selbst“ (wie es Richard Schwartz ausdrückt) wiederzufinden.


 
Du fragst, welchen Fortschritt ich gemacht habe?
Ich habe angefangen, mir selbst ein Freund zu sein.
— Hecato

Quelle:
Schmidt, Ursula 2022: “Die Spaltung zwischen Kopf und Herz. Schutzstrategien unseres Herzens”, in: NIS-Netzwerk (Hg.): NIS Report 20. Leutershausen, S. 2–5 (https://www.nis-netzwerk.de/der-nis-report/; Zugriff 05.07.24).